Manelchen Kant nimmt mich an die Hand (2)

… und lässt sie gleich wieder los!

Das zweite Buch Ralf Ludwigs über den geistigen Überflieger aus Königsberg findet bei mir viel weniger Interesse. Es ist sicher genauso klar und verständlich geschrieben und Kants „Kategorischer Imperativ“ sollte man auch kennen. Nur dass ich diesmal bei der Lektüre keinen Draht zum Thema finde. Schon allein mit Kants „gutem Willen“ kann ich wenig anfangen und wahrscheinlich glaube ich noch nicht einmal an die Existenz des „guten Willens“ im Menschen. Kants Konzept und Hochschätzung der „Pflicht“ wird dann für mich und meine Generation zum roten Tuch. „Live fast, love hard and die young“ gefällt mir da schon erheblich besser. Oder „I am an anarchist“ von den „Sex Pistols“. Kants „Pflicht“ einem nur 15 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs geborenen Baby-Boomer zu empfehlen, klappt einfach nicht. Weniger „Pflicht“ wäre wahrscheinlich mehr gewesen für Kaiser Wilhelms Soldaten, die es sich begeistert in den Schützengräben bequem gemacht haben, bis die erste Granate neben ihnen explodierte, und noch mehr für Hitlers Wehrmacht und SS, die bei der Eroberung des Lebensraumes im Osten und in den Konzentrationslagern nur ihre „Pflicht“ taten. Hätten die lieber ihre „Pflicht“ nicht erfüllt! Natürlich hat Immanuel Kant keine Schuld an diesen Perversionen, aber leider hat spätestens der Nazi-Sprech so ein unschuldiges Wort wie „Pflicht“ verseucht und unbrauchbar gemacht.

Da stimmt also die Chemie nicht. Inkompatible Festplatte für meinen Computer. Mal abgesehen davon, dass ich stärkstens daran zweifle, ob Kants hochgestochene Moralansprüche bei Standardentscheidungen im Alltagsleben anwendbar sind.

Wenn selbst Friedrich Schiller Probleme mit Kant hat …

Gern dien ich den Freunden,
Doch tu ich es leider mit Neigung,
und so wurmt es mich oft,
daß ich nicht tugendhaft bin.

(„Xenien“)

oder

In der Kantischen Moralphilosophie ist die Idee der Pflicht mit einer Härte vorgetragen, die alle Grazien davon zurückschreckt und einen schwachen Verstand leicht versuchen könnte, auf dem Weg einer finstern und mönchischen Asketik die moralische Vollkommenheit zu suchen.
(„Über Anmut und Würde“ (1793))

… was sollen dann wir laszive, verweichlichte Nachgeborenen denken!

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Zum Nachlesen hier trotzdem die schöne Zusammenfassung Ludwigs des Kantschen Moralkonzepts:

Die Moralphilosophie Kants in vier langsamen Schritten.

Erster Schritt
Neben unserer sichtbaren Welt, in der die Gesetze der
Natur walten, gibt es noch eine Welt oder besser: einen
Bereich, der darüber hinausgeht und der sich mir nur
in Gedanken erschließt. Darin ist die Idee der Freiheit
zu Hause, eine Idee, die nicht bewiesen werden kann
und die nicht im Gegensatz zur Natur steht.
Gibt es in diesem Bereich auch eine Gesetzlichkeit,
ähnlich der in der Natur? Ja, denn wenn es schon Gesetze
im Bereich der Natur gibt, müßte es auch Gesetzmäßigkeiten
bei den Urteilen über die Frage der
Moral, welches Handeln richtig oder falsch ist, geben.

Zweiter Schritt
Dies zu beantworten ist Aufgabe der Vernunft. Die
Vernunft ist das Vermögen, den Bereich der Sinne und
der Natur zu übersteigen; nachdem sie diese Aufgabe
in der „Kritik der reinen Vernunft“ für die Erkenntnis
des Menschen in Angriff genommen hatte, bekommt
sie dieselbe Aufgabe für die Moral zugeteilt: den Willen
des Menschen zu bestimmen und damit die sinnliche
Natur des Menschen zu übersteigen. Dieses Feld
der Willensbestimmung darf die Vernunft nicht unserer
Erfahrung überlassen, deshalb hat sie sich zum
Programm gemacht, zur Bestimmung des moralisch
Guten die Willensbestimmung von sämtlichen Erfahrungen
und Neigungen radikal zu säubern.

Dritter Schritt
Die Vernunft kommt nun bei der Frage nach Gut und
Böse zu folgendem Ergebnis: Gut an sich ist nicht der
mögliche Gegenstand des Willens (Mut, Tapferkeit,
Glück . . .), sondern nur der gute Wille selbst, der einer
Handlung zu Grunde liegt. Gut ist eine Handlung
dann, wenn sie nicht pflichtmäßig ist (dies ist der Bereich
der Legalität), sondern wenn sie aus Pflicht geschieht
(dies ist der Bereich der Moralität). Ferner ist
eine Handlung dann gut, wenn sie aus Achtung für
das Sittengesetz erfolgt.

Vierter Schritt
Diesem Sittengesetz kann ich auf die Spur kommen,
wenn ich die Maxime meines Handelns einer bestimmten
Gesetzmäßigkeit unterziehe, die apriorisch
für alle Menschen allgemein und notwendig wie ein
Naturgesetz gilt. Die Formel dieser Gesetzmäßigkeit
aber ist der kategorische Imperativ. Dieser besagt:
Ich denke meine beabsichtigte Handlungsweise
versuchsweise als Vorschrift, die nicht nur für mich
und für heute gilt, sondern die als angenommenes Gesetz
für alle widerspruchsfrei gelten kann.
Der Grund dafür, dieses Gesetz für mich erlassen
zu können, liegt in der Selbstbestimmung des
Willens. Der Grund dafür aber liegt in der Freiheit.

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