
Letzten Donnerstag, als ich am späten Nachmittag mit dem Regionalzug „Lido Mare“ von Ostia nach Rom unterwegs war, saßen mir gegenüber im Abteil zwei Lehrerinnen und Lehrer aus Österreich, die wohl mit ihren Klassen auf Tour waren und vielleicht in Ostia Antica untergebracht waren oder von der Ausgrabungsstätte in ihr Hotel im Zentrum Roms zurückfuhren. 35 bis 40 Jahre waren die geschätzten Kolleginnen und Kollegen. Sie quatschten laut und viel. Und zwar nicht auf Deutsch, sondern in einem starken österreichischen Dialekt, den ich zwar ganz gut verstand, aber nicht als tirolisch, steiermärkisch, vorarlbergisch oder oberösterreichisch einordnen konnte. Soweit reichen dann meine alpenländischen Sprachkenntnisse doch nicht. Jedenfalls störte mich der unerwartete Komödienstadl gewaltig beim Lesen meines Buchs über die Filme Rainer Werner Fassbinders. Worüber gesprochen wurde, habe ich nicht abgespeichert, es war aber eher Banales, an einer bestimmten Stelle haben sie über einen Lehrerkollegen gelästert. Tratsch nicht im Hamburger Treppenhaus, sondern im italienischen Zugabteil. Jetzt spätestens wird vermutlich gebasht und gezetert, dass Dialekte legitim und schön seien, dass man das Recht habe, aus der Standardsprache auszuscheren, dass die Mine des Rassismus längst hochgegangen sei, kurz, man bezichtigt mich reflexartig der bösartigen Intoleranz. Pfui, du böser Fremdenhasser! Dialekt ist urig und authentisch. Und tatsächlich lohnt es sich, einmal darüber nachzudenken, warum mich dieser österreichische Dialekt so fürchterlich stört und nervt. Es gibt da, glaube ich, verschiedene Aspekte zu bedenken. Einmal natürlich meine Wenigkeit selbst. Ich habe bis 16 selbst bayerischen Dialekt gesprochen (der ja österreichischen Dialekten recht ähnlich ist), der Mann meiner älteren Schwester ist aus Salzburg, ich wollte nach dem Abitur und Wehrdienst weg aus einer miefigen bayerischen Provinzstadt und bin am Ende nach etlichen Zickzacken in Italien bauchgelandet. Traumatische Erfahrungen, raunt der kluge Psychologe, die dich negativ auf bayerische und österreichische Dialekte abgerichtet haben. Das Thomas-Bernhard-Syndrom. Fair ist das gegenüber dem Lehrer-Trio nicht, denn es hat keine Schuld an deinem verkorksten Seelenkorsett. Aber … und das wäre ein anderer Aspekt, den man zu meiner Verteidigung anwenden könnte, diese Negativität hat natürlich nicht nur persönliche, sondern ganz handfeste objektive Gründe. Dialekt unter Freunden in einer privaten Situation zu sprechen ist eine Sache, hier sind wir in einem öffentlichen Raum, in einem fremden Land, neben mir saßen 2 Schwarze, denen diese spezielle alpenländische linguistische Gemengelage sowas von Ikearegal war. Eine der österreichischen Lehrerrinnen hat dann in einem ziemlich schlechten Englisch vermutlich das Hotel angerufen. Das hatte schon fast etwas von einem surrealen Theatersketch. Was konnte ich armer Tropf machen? Der Assoziationszug war längst unterwegs wie unsere wirkliche S-Bahn. Rückständig, ordinär. Liab, aber dumm. Herbert Kickl, Jörg Haider, Good Evening Mr. Waldheim. Dazu passt auch, dass ich nicht alle Dialekte gleich unsympathisch finde. Ruhrpott-Deutsch zum Beispiel mag ich, Berlinerisch stört mich nur wenig, Plattdeutsch versteh ich zwar nicht, aber macht gute Laune.
