Prompt: Schreibe eine Erzählung von zirka 32.000 Zeichen über einen Germanistik-Professor aus Regensburg, der in eine existentielle Krise gerät, im Internet ein extrem aggressives, papierzerstörendes Bakterium sucht und findet, systematisch die wichtigsten Bibliotheken der Welt bereist , um dieses Bakterium in die Bibliotheken einzuschleusen und dadurch den gesamten Bibliotheksbestand in kürzester Zeit vollständig zu vernichten.
The Gutenberg Galaxy
Der Professor für Neuere deutsche Literatur an der Universität Regensburg, der seit mehr als drei Jahrzehnten jeden Morgen denselben Weg vom Westen der Stadt hinauf zum Campus nahm, vorbei an denselben Wohnblocks, denselben Bushaltestellen, denselben sich niemals verändernden Bäumen, die ihm seit Jahren wie schlecht gelaunte Statisten vorkamen, war ein Mann, der sich selbst lange Zeit für einen unerschütterlichen Verwalter der Sprache gehalten hatte, für einen Wächter der Überlieferung, für jemanden, der – wie er es gern in Vorlesungen formulierte – den Texten nicht diene, sondern sie verteidige, gegen die Zeit, gegen die Dummheit, gegen das Vergessen, und genau dieser Mann geriet, ohne dass es ein klar datierbares Ereignis gegeben hätte, ohne Unfall, ohne Skandal, ohne äußeren Anlass, in einen Zustand, den er selbst zunächst nicht als Krise, sondern als bloße Ermüdung bezeichnete, eine Ermüdung des Denkens, eine Ermüdung des Lesens, eine Ermüdung der Sprache selbst.
Regensburg, diese Stadt, die sich mit Geschichte überzog wie mit einem zu schweren Mantel, war ihm über Jahre hinweg als idealer Ort erschienen, um Germanistik zu betreiben, um Texte zu sezieren, zu kontextualisieren, zu relativieren, zu historisieren, und erst sehr spät begann er zu begreifen, dass diese Stadt mit ihren Bibliotheken, Archiven, Lesesälen und Gängen nicht der Ort der Bewahrung, sondern der Ort der Erstarrung war, eine Stadt, die ihre Bücher nicht las, sondern hortete, die ihre Texte nicht befragte, sondern ausstellte, und während er weiterhin Seminare über Hölderlin, über Kleist, über die Prosa des 20. Jahrhunderts abhielt, bemerkte er mit wachsendem Ekel, dass er Sätze aussprach, die er bereits hundertfach ausgesprochen hatte, Sätze, die längst ihre Bedeutung verloren hatten, Sätze, die nur noch klangen wie die eigenen Schritte auf den Fluren der Fakultät.
Er hörte sich reden und hörte zugleich nichts mehr, weder sich selbst noch die Studierenden, die mit ihren Laptops vor ihm saßen, die tippten, während er sprach, die googelten, während er zitierte, und er begann, wie aus einer plötzlichen Klarheit heraus, zu verstehen, dass das, was er Sprache nannte, längst ein Abfallprodukt geworden war, ein digitales Rauschen, ein unaufhörlicher Kommentar ohne Text, und dass die Bücher, die er seit Jahrzehnten verteidigte, in Wahrheit bereits tot waren, Leichen, sorgfältig katalogisiert, systematisch aufgestellt, nummeriert, inventarisiert, und gerade dadurch ihrer letzten Möglichkeit beraubt, gefährlich zu sein.
In seinem Büro, das er immer penibel geordnet hatte, standen die Regale voll mit Erstausgaben, kommentierten Werkausgaben, grauen Reihen, blauen Reihen, grünen Reihen, und eines Nachmittags, als er allein war, die Tür geschlossen, der Campus bereits halb leer, nahm er wahllos einen Band heraus, schlug ihn auf, las einen Satz, las ihn noch einmal, und empfand nichts, nicht einmal Abneigung, sondern lediglich eine vollständige Abwesenheit von Reaktion, als würde er auf eine Wand starren, und in diesem Moment, den er später immer wieder beschwor, als den eigentlichen Anfang, begriff er, dass nicht er die Bücher verraten hatte, sondern die Bücher ihn.
Er begann, die Bibliotheken zu hassen.
Nicht schlagartig, nicht hysterisch, sondern mit einer kalten, methodischen Abneigung, wie sie nur jemand entwickeln kann, der sein Leben lang Teil eines Systems war und plötzlich erkennt, dass dieses System ausschließlich aus Wiederholungen besteht. Die Universitätsbibliothek Regensburg erschien ihm fortan wie eine Kathedrale der Nutzlosigkeit, ein monumentales Lagerhaus für Gedanken, die niemand mehr dachte, und er ertappte sich dabei, wie er durch die Magazine ging und sich vorstellte, wie es wäre, wenn all diese Bücher, diese Millionen von Seiten, plötzlich verschwänden, nicht verbrannt, nicht spektakulär zerstört, sondern still, geräuschlos, von innen heraus.
Zerstörung durch Feuer war ihm stets zu vulgär erschienen, zu final, zu laut, zu sehr Geste, zu sehr Symbol, und gerade deshalb begann ihn der Gedanke an eine andere Form der Vernichtung zu faszinieren, an eine Vernichtung ohne Pathos, ohne Täterpose, ohne Rauch, eine Vernichtung, die sich wie ein natürlicher Prozess vollzöge, unscheinbar, mikrobiell, unaufhaltsam.
Er hatte nie ein besonderes Interesse an Naturwissenschaften gehabt, er hatte Biologie stets als die stumpfe Schwester der Philosophie betrachtet, als eine Disziplin der Messungen und Tabellen, und doch begann er, zunächst aus bloßer Neugier, im Internet zu recherchieren, spätabends, nach den Vorlesungen, nach den immer kürzer werdenden Gesprächen mit Kollegen, nach den immer längeren Phasen des Schweigens, die er in seiner Wohnung verbrachte, und er tippte Suchbegriffe ein, die ihm selbst absurd vorkamen, Papierzerfall, Zelluloseabbau, Mikroorganismen, Bibliotheksschäden, und je länger er suchte, desto mehr verdichtete sich in ihm die Vorstellung, dass das wahre Ende der Bücher nicht durch Zensur, nicht durch politische Gewalt, sondern durch ein winziges, unsichtbares Wesen kommen müsse.
Das Internet, das er jahrelang verachtet hatte als Ort der Vereinfachung, der Verkürzung, der Unbildung, öffnete sich ihm nun wie ein schwarzes Archiv, ungeordnet, aggressiv, voller Randnotizen, voller Obsessionen, voller Foren, in denen Menschen mit einer Ernsthaftigkeit über Schimmel, Bakterien, Pilze diskutierten, die ihn zugleich abstieß und anzog. Er las über Mikroben, die Holz zerfraßen, über Enzyme, die Zellulose in ihre Bestandteile zerlegten, über Archivkatastrophen, die nicht durch Krieg, sondern durch Feuchtigkeit ausgelöst worden waren, und während er las, stellte er fest, dass er zum ersten Mal seit Jahren wieder konzentriert war.
Diese Konzentration erschreckte ihn.
Denn sie war nicht die Konzentration des Lesers, nicht die Konzentration des Interpreten, sondern die Konzentration des Planenden, des Systematikers, desjenigen, der plötzlich ein Ziel hatte, das außerhalb aller akademischen Diskurse lag. Er begann, Notizen zu machen, nicht wie früher mit Zitaten und Seitenzahlen, sondern mit Pfeilen, Verbindungen, Wiederholungen, und er schrieb immer wieder dasselbe Wort auf: Papier, Papier, Papier, als müsse er sich vergewissern, dass es dieses Material überhaupt noch gab.
Gleichzeitig setzte sich seine Verachtung für die eigene Disziplin fort, verschärfte sich sogar, denn er sah nun klar, dass die Germanistik, wie er sie betrieben hatte, nichts anderes gewesen war als eine Konservierungstechnik, eine Methode, Texte vor dem Zugriff der Gegenwart zu schützen, sie unschädlich zu machen, sie einzulagern, und er begann, in einem Anflug von bitterer Heiterkeit, seine eigene Karriere als eine einzige, lange Verzögerung der Zerstörung zu begreifen.
Je länger er suchte, desto deutlicher wurde ihm, dass es tatsächlich Bakterien gab, die Papier nicht nur beschädigten, sondern vollständig zersetzten, aggressiv, effizient, ohne Rücksicht auf Einband, Alter oder kulturellen Wert, und dass diese Organismen in der Fachliteratur zwar beschrieben, aber selten ernst genommen wurden, weil sie als kontrollierbar galten, als lokales Problem, als Schaden, den man beheben könne, und genau diese Unterschätzung war es, die ihn faszinierte.
Er schloss den Laptop, lehnte sich zurück und dachte nicht an Moral, nicht an Schuld, nicht an Verantwortung, sondern ausschließlich an Ordnung, an Konsequenz, an das Ende der Illusion, dass Bücher gerettet werden müssten, und zum ersten Mal seit Jahren schlief er ein, ohne einen Traum zu erinnern, ohne Worte, ohne Sätze, nur mit dem dumpfen Gefühl, dass etwas begonnen hatte, das sich nicht mehr zurücknehmen ließ.
Er nannte es zunächst nicht Recherche, sondern Lektüre, weil alles, was er tat, seit Jahrzehnten nur unter diesem Begriff existiert hatte, und doch wusste er, dass diese neue Form des Lesens nichts mehr mit Philologie zu tun hatte, sondern mit einer zielgerichteten, beinahe brutalen Aneignung von Information, die keine Auslegung, keinen Kommentar, keine historische Einbettung mehr duldete, sondern nur noch eines verlangte: Brauchbarkeit.
Er saß Nacht für Nacht vor dem Bildschirm, das Licht ausgeschaltet, die Vorhänge zugezogen, als müsse er verhindern, dass jemand von außen beobachten konnte, wie sich sein Denken veränderte, wie sich die Begriffe verschoben, und während er las, stellte er fest, dass das Internet nicht, wie er jahrelang behauptet hatte, ein Ort der Oberflächlichkeit war, sondern ein Ort der hemmungslosen Spezialisierung, ein Raum, in dem sich Menschen versammelten, die nichts anderes taten, als sich an winzigen Phänomenen festzubeißen, sie zu vergrößern, zu sezieren, zu wiederholen, bis sie zu Monstern wurden.
Er las über Bakterien nicht als biologische Entitäten, sondern als Metaphern, als perfekte Agenten einer Vernichtung ohne Absicht, ohne Hass, ohne Ideologie. Immer wieder kehrte er zu denselben Beschreibungen zurück, zu denselben Formulierungen, zu denselben Warnungen, und es irritierte ihn zutiefst, dass diese Warnungen stets in einem Tonfall gehalten waren, der ihm bekannt vorkam: der Tonfall der Germanistik. Relativierend, beschwichtigend, absichernd. Man sprach von „Gefährdungspotenzial“, von „Materialermüdung“, von „präventiven Maßnahmen“, und genau diese Sprache überzeugte ihn davon, dass niemand wirklich begriffen hatte, was hier beschrieben wurde.
Er begann, das Bakterium – obwohl es mehrere Namen trug, mehrere Klassifikationen, mehrere widersprüchliche Beschreibungen – gedanklich zu vereinheitlichen, es zu einem einzigen Wesen zu verdichten, nicht biologisch korrekt, aber geistig zwingend, und er merkte, wie ihm diese Vereinheitlichung dieselbe Befriedigung verschaffte wie früher die Reduktion eines Gedichts auf ein zentrales Motiv, eines Romans auf ein Strukturprinzip.
Je länger er sich mit diesem unscheinbaren Organismus beschäftigte, desto mehr erschien es ihm als die logische Antwort auf eine Zivilisation, die glaubte, ihre Texte durch Lagerung retten zu können. Er dachte an klimatisierte Magazine, an säurefreie Kartons, an restaurierte Einbände, und er musste lachen, laut, abrupt, fast erschrocken über sich selbst, weil ihm plötzlich klar wurde, dass all diese Maßnahmen nichts anderes waren als Rituale der Verdrängung.
In den Vorlesungen begann er, sich zu verhaspeln. Nicht, weil er den Stoff nicht mehr beherrschte, sondern weil ihm jeder Satz hohl vorkam. Er sprach über Textkritik und dachte an Zerfall. Er sprach über Editionen und dachte an Auflösung. Er sprach über Überlieferung und dachte an Bakterien. Die Studierenden bemerkten seine Unruhe, sein wiederholtes Abbrechen von Gedanken, sein insistierendes Wiederholen einzelner Wörter, doch sie schrieben weiter mit, als wäre nichts geschehen, und diese Gleichgültigkeit bestärkte ihn in der Überzeugung, dass die Institution Universität längst jede Form von Wahrnehmung verloren hatte.
Er begann zu reisen, zunächst unauffällig, mit der Begründung von Konferenzen, Gastvorträgen, Forschungsaufenthalten, und niemand stellte Fragen, weil Professoren reisen durften, weil ihre Abwesenheit als Produktivität galt. In Wahrheit reiste er nicht, um zu sprechen, sondern um zu sehen. Um die Orte aufzusuchen, an denen das, was man Weltliteratur nannte, in endlosen Regalen lag, geschniegelt, geordnet, überwacht, und je größer die Bibliothek war, desto stärker empfand er diese eigentümliche Mischung aus Ehrfurcht und Abscheu.
Er ging durch Lesesäle, beobachtete die Leser, ihre vorsichtigen Handbewegungen, ihr respektvolles Umblättern, und dachte, dass all diese Menschen in Wahrheit Totengräber seien, Totengräber ohne Grab, die glaubten, durch Benutzung Leben zu simulieren. Die Bücher selbst erschienen ihm immer mehr wie Widerstände, wie sperrige Körper, die sich der Gegenwart verweigerten, und er begann, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn diese Körper sich auflösten, nicht in einem Akt der Gewalt, sondern in einem Prozess, der weder Zeugen noch Schuldige kannte.
Er plante nicht im herkömmlichen Sinn. Er machte keine Listen, keine Zeitpläne, keine konkreten Abläufe. Seine Planung war literarisch, strukturell, rhythmisch. Er dachte in Wiederholungen, in Serien, in Variationen. Eine Bibliothek war nie nur eine Bibliothek, sondern immer Stellvertreterin für alle anderen. Regensburg war nicht Regensburg, sondern der Anfang. Jede große Sammlung war für ihn ein Kapitel, jede Reise ein Absatz, jede Rückkehr eine Zäsur.
Was ihn am meisten beruhigte, war die Vorstellung der Gleichgültigkeit, mit der das Bakterium wirken würde. Kein Urteil, keine Auswahl, keine Hierarchie. Handschrift und Druck, Klassiker und Broschüre, Kommentarband und Erstauflage – alles würde gleichbehandelt werden. Diese radikale Gleichheit erschien ihm als die einzige Form von Gerechtigkeit, die die Literatur je erfahren könne.
Er fragte sich kein einziges Mal, ob er aufhören sollte. Diese Frage existierte schlicht nicht. Wie in seinen früheren Interpretationen hatte er einen Punkt erreicht, an dem jede Umkehr nur noch als Feigheit erschienen wäre, als methodischer Fehler. Er war kein Täter, sagte er sich, ebenso wenig wie ein Kritiker Täter ist, wenn er einen Text zerlegt. Er vollzog lediglich eine Konsequenz, die längst angelegt war.
Als er eines Abends, zurück in Regensburg, erneut durch die Universitätsbibliothek ging, durch dieselben Gänge, die er tausendfach durchschritten hatte, empfand er keine Wut mehr, keinen Hass, nicht einmal Genugtuung, sondern eine merkwürdige Ruhe. Die Regale standen da wie immer, schwer, stabil, scheinbar unzerstörbar, und gerade in dieser scheinbaren Unzerstörbarkeit erkannte er ihren größten Irrtum.
Er blieb stehen, legte die Hand auf einen Buchrücken und dachte nicht an den Autor, nicht an den Text, sondern nur an Zeit. Und zum ersten Mal verstand er Zeit nicht als historische Abfolge, sondern als etwas, das man beschleunigen konnte.
Er begann die eigentliche Reise ohne Pathos, ohne Abschied, ohne das Bedürfnis, etwas zu markieren, denn Markierungen, wusste er inzwischen, waren nur für diejenigen notwendig, die sich selbst noch als Teil einer Geschichte betrachteten. Für ihn war die Geschichte längst zu einem Material geworden, zu etwas, das man nicht mehr erzählen, sondern nur noch beenden konnte.
Die großen Bibliotheken der Welt unterschieden sich weniger, als er erwartet hatte. Ob er nun in London stand, in Paris, in New York oder in einer dieser monumentalen Nationalbibliotheken, deren Architektur bereits den Anspruch formulierte, für die Ewigkeit gebaut zu sein, überall fand er dieselbe Ordnung, dieselbe Stille, dieselbe selbstzufriedene Atmosphäre eines Systems, das sich für unangreifbar hielt. Die Lesesäle rochen überall gleich, nach Staub, nach Klimaanlage, nach einer sterilisierten Vergangenheit, und er ging durch diese Räume mit der Gelassenheit eines Mannes, der nichts mehr zu verlieren hatte.
Er handelte nicht hastig. Hast war ihm stets verhasst gewesen, Hast war unliterarisch. Seine Bewegungen waren ruhig, beinahe respektvoll, und niemand hätte in ihm etwas anderes gesehen als einen älteren Gelehrten, der sich mit einer Mischung aus Müdigkeit und Ehrfurcht durch die Bestände bewegte. Genau diese Unauffälligkeit war Teil der Logik, denn alles Spektakuläre hätte die Tat verraten, und Verrat war etwas für Dilettanten.
Er dachte dabei nicht in Kategorien von Schuld oder Verantwortung. Diese Begriffe waren für ihn untrennbar mit dem moralischen Diskurs verbunden, den er als leer erkannt hatte. Er dachte in Begriffen der Konsequenz. Wenn eine Kultur beschloss, ihre Texte nicht mehr zu leben, sondern zu archivieren, dann müsse sie die Folgen tragen. Und die Folge, so hatte er sich überzeugt, sei nicht der langsame Bedeutungsverlust, sondern der vollständige Zerfall.
Mit jeder Bibliothek, die er verließ, fühlte er sich leichter. Nicht euphorisch, nicht triumphierend, sondern erleichtert im technischsten Sinn des Wortes, als hätte er Gewicht abgelegt, als wäre etwas aus ihm herausgenommen worden, das ihn jahrelang beschwert hatte. Die Bücher hinter ihm standen noch, selbstverständlich standen sie noch, und doch wusste er, dass ihre Stabilität nur noch eine Frage der Zeit war, und diese Gewissheit genügte.
Er begann, die Orte nicht mehr als einzelne Stationen wahrzunehmen, sondern als Teil eines geschlossenen Systems, das nun, unsichtbar, unterwandert war. Die Vorstellung, dass all diese Sammlungen, die sich gegenseitig zitierten, kopierten, ergänzten, nun auch im Zerfall miteinander verbunden waren, erschien ihm als eine letzte, späte Form von Intertextualität, eine Intertextualität des Verschwindens.
Nachrichten über erste Schäden erschienen Wochen später. Zunächst waren es beiläufige Meldungen, Fachhinweise, interne Warnungen, nichts, was an die Öffentlichkeit drang. Man sprach von ungewöhnlichen Materialveränderungen, von beschleunigtem Papierzerfall, von Phänomenen, die man noch untersuchen müsse. Er las diese Berichte mit einer sachlichen Aufmerksamkeit, wie er früher Rezensionen gelesen hatte, und stellte fest, dass ihn keine Genugtuung erfasste. Genugtuung wäre ihm billig erschienen.
Als die Meldungen sich häuften, als Restauratoren ratlos wurden, als Maßnahmen ergriffen wurden, die nichts bewirkten, erkannte er in der Sprache der Experten dieselbe Hilflosigkeit, die er aus der Literaturwissenschaft kannte, wenn eine Interpretation ins Leere lief. Man intensivierte, man präzisierte, man differenzierte, und währenddessen zerfiel das Material weiter, unbeeindruckt von allen Versuchen, ihm Bedeutung beizumessen.
Er saß wieder in Regensburg, in seiner Wohnung, und hörte im Radio Berichte über geschlossene Lesesäle, über Notfallprogramme, über den drohenden Verlust kulturellen Erbes. Er schaltete ab, nicht aus Abwehr, sondern aus Müdigkeit. Die Worte hatten ihre Wirkung verloren. Sie waren Teil desselben Geräusches, das ihn überhaupt erst zu seinem Entschluss geführt hatte.
In der Universität wurde er beurlaubt. Man sprach von Erschöpfung, von Überlastung, von der Notwendigkeit, sich zurückzuziehen. Niemand stellte eine Verbindung her, niemand suchte nach einem Täter, denn Täter setzten Intentionalität voraus, und Intentionalität war in dieser Katastrophe nicht vorgesehen. Es war einfacher, von einem Unglück zu sprechen, von einer Verkettung unglücklicher Umstände, als von einer Konsequenz.
Er ging ein letztes Mal durch die Universitätsbibliothek. Einige Regale waren bereits gesperrt, manche Bücher wirkten verändert, brüchig, matt, als hätten sie ihre innere Spannung verloren. Er nahm keinen Band mehr zur Hand. Das Anfassen erschien ihm unnötig. Das Wesentliche war bereits geschehen.
Was ihn am meisten erstaunte, war die Stille in ihm. Keine Leere, keine Erfüllung, sondern ein Zustand jenseits dieser Kategorien. Die Sprache, der er sein Leben gewidmet hatte, war verstummt, nicht dramatisch, nicht endgültig, sondern schlicht folgenlos. Und in dieser Folgenlosigkeit erkannte er etwas, das er lange gesucht hatte: das Ende des Kommentars.
Er verließ das Gebäude, ging langsam die Stufen hinunter und dachte nicht an Zukunft. Zukunft war ein Begriff für Archive. Für ihn gab es nur noch Gegenwart, eine Gegenwart ohne Text, ohne Fußnoten, ohne Regale. Und zum ersten Mal seit Jahrzehnten empfand er diesen Zustand nicht als Verlust, sondern als eine Form von Ordnung, die keiner Bewahrung mehr bedurfte.
