
Wenn man sich die gleich nach Fassbinders Tod 1982 erschienene Biografie Bernd Eckhardts durchliest, fallen einem nach über 40 Jahren unweigerlich einige Dinge auf, die mit dieser Zeitdistanz in Zusammenhang stehen. Fassbinder war ja damals der vermutlich berühmteste deutsche Regisseur, seine provokativen Filme und sein exzessives Leben waren in aller Munde. Auch habe Ender der 70er in unserem kleinen Kinoforum damals am Gymnasium etliche seiner Filme gesehen. Heute ist Fassbinder vielleicht nicht vergessen wie zum Beispiel Heinrich Böll, aber sicherlich kein alternativer Mainstream mehr, sondern ein Sujet für Seminare an Filmakademien. Was aber vielleicht noch wichtiger ist, sind die Umwälzungen jenseits seiner Person, die inzwischen in unseren Gesellschaften stattgefunden haben. 1945 in einem erzkonservativen Bayern geboren, gehörte Fassbinder ja zu den Promis der Protestgeneration während des „Roten Jahrzehnts“, hatte etwas von Rio Reiser und seinen „Ton, Steine, Scherben“, von Dieter Kunzelmann und Fritz Teufel. Die Gesellschaft war gespalten in Elterngeneration und „Ihre Kinder“, man kämpfte gegen Nazi-Mief, kleinbürgerliche Ideale, Deutschtümelei, gegen die lange Litanei an „preußisch-deutschen“ Tugenden wie Ordnung, Sparsamkeit, Gründlichkeit, Pflichtbewusstsein, Pünktlichkeit, Sauberkeit, Pflichtgefühl, Sparsamkeit, Kinder, Küche, Kirche (gibt‘s noch mehr?). Heute sind ja unsere Gesellschaften viel komplexer, offener und undurchsichtiger. Konisch eigentlich, weil Internet extreme Transparenz bedeutet, aber trotz der Datenfülle wissen wir immer weniger von anderen Personen, leben wir alle einen extrem isolierten Ego-Shooter-Trip. Das dritte, was einem sowohl bei Fassbinder als auch bei Eckhardts Buch auffällt, ist eine gehörige Prise an Schlamperei, fehlender Präzision, Professionalität und Glätte, die die Zeiten vor der Digitalisierung charakterisieren und die man sich damals wohl im Gegensatz zu heute erlauben konnte. Die analogen Zeiten waren sicherlich näher dran an der gebrechlichen Natur des Menschen mit all ihren Ecken und Kanten, Imperfektionen, Gerüchen, Schwächen. Fassbinder war kein Kind der digitalen Revolution aus der KI-Retorte. Er war kein digitaler Frankenstein mit smarten Tätowierungen und Schönheitsoperation, sondern ein analoges Enfant terrible mit Bierbauch und Mundgeruch.
