
Bei Friedrich Schiller hat man als Leseratte gern Berührungsängste und Gänsehaut. Er ist vermutlich auch heute noch oft Pflichtlektüre in den Gymnasien und beim Germanistik-Studium. Und alles, was man gezwungenermaßen macht, liebt man im Regelfall wenig. Auch Schillers unerreichbar hohe Ansprüche des Guten, Schönen und Wahren in der Deutschen Klassik, die man mit ihm reflexartig in Verbindung bringt, helfen wenig weiter. Aber glücklicherweise gibt es ja auch noch den „anderen“ Schiller, den „Stürmer und Dränger“ der „Räuber“ und des „Wilhelm Tell“, in denen er Partei gegen Unterdrückung und Tyrannei bezieht und uns bei der schwierigen Gratwandung zwischen Legalität und Legitimität mitnimmt. Eine weitere, vermutlich wenig bekannte Erzählung Schillers „Ein Verbrecher aus verlorener Ehre“ (1786) bewegt sich ebenfalls in diesem thematischen Umfeld und erzählt die Geschichte des Sonnenwirts Christian Wolf, der zum Wilddieb und Mörder und dann am Ende hingerichtet wird. Hier legt der ehemalige Medizinstudent Schiller nicht so sehr seinen Schwerpunkt auf die Kritik am Absolutismus, sondern auf die Empathie des Lesenden mit der psychologischen Entwicklung des „kriminellen“ Christian Wolf. Warum wird Wolf zum Verbrecher? Wieviel Verständnis können wir mit ihm haben? Schöne kleine, absolut lesenswerte Erzählung von noch nicht einmal dreißig Seiten. Meine absolute Lieblingserzählung bei der Analyse des Bösen im Menschen aber bleibt Hermann Melvilles „Billy Budd“ (ca. 1891) hundert Jahre später. Die hat dann doch noch ein paar Lot Tiefgang mehr beim Zerpflügen der literarischen Weltmeere.
