Kalte Fakten, kesse Träume

Wenn ich  Jörg Fausers böse Bestandsaufnahme zu seiner eigenen Situation als Schriftsteller damals, aber auch ganz allgemein zur Literatur lese (veröffentlicht das erste Mal 1977 im „Ulcus Molle Info“ von Josef „Biby“ Wintjes, das ich von 1985 bis 1988 abonniert hatte), muss auch ich die Hosen runterlassen und zugeben, dass mit der hehren Schriftstellerexistenz bei mir sogar noch viel weniger los ist als bei dem auch heute noch als „Suff-Schriftsteller“ und U-Lit-Autor geltenden Fauser. Ich bin aus einer anderen Generation, für die es vermutlich noch schwieriger geworden ist, sich aus dem Nichts kommend, Gehör zu verschaffen, könnte ich mir zugutehalten. Aber die Grundwahrheiten von Fausers Artikel sind dennoch dieselben geblieben.

Erste Zuckungen und Regungen, die Literatenrennbahn zu betreten, hatte ich ab 1977 in Ingolstadt. Dicke, mit meiner unmöglichen Klaue handgeschriebene DIN-A-Blöcke mit post-neo-romantischen Tagebüchern waren das Ergebnis, die glücklicherweise die Zeiten nicht überlebt haben. Denn die Qualität dieser intimen Ergüsse (nebst eingesprengten Gedichten, Märchen, Erzählungen auf den Pfaden von niemandem Geringeren als Novalis) kann nur ganz, ganz, schlecht gewesen sein. Nachprüfen kann das keiner mehr, denn während meines Grundwehrdienstes hatte ich bei meinem Crash-Kurs zum angehenden Fahnenjunker (ohje!) in München mit einer blonden Supermarktkassiererin angebandelt und ihr eine schwarze alte Kunstledertasche mit diesen Tagebüchern „geliehen“ (?). Die Schöne von der Kasse sollte tiefe Einsichten in mein brodelndes Seelenleben bekommen und mich prophetischen Poeten verstehen. Kurs, Affäre und Trip nach München dauerten nicht lange, die alte ausgebeulte Kunstledertasche mit den unleserlichen, in königsblauer Tinte rausgekotzten Tagebüchern wurde von der Blondine, deren Namen ich längst vergessen habe, vermutlich in die Tonne gedonnert. Mit 17 hat man noch Träume.  Mit 19 hatte ich verspätet den Führerschein gemacht, gondelte den 6-Zylinder-Nissan meines Vaters zu den Rendezvous nach München und merkte langsam immer mehr, dass für mich im Leben nichts klappte.

Dann folgte erst einmal eine jahrelange Sendepause, vermutlich, weil ich mich von dem ganzen romantischen (Novalis), neo-romantischen (Hesse) und post-neo-romantischen (ich selbst) Gedöns befreien und einen eigenen Stil finden musste. 1985 machte ich ein Seminar über die Beat-Generation und fand dort endlich neue Helden. Ich schrieb jahrelang Gedichte, auch 2 Theaterstücke. Kerouac, Ginsberg, Burroughs und Sam Shepard grüßten freundlich über den Großen Teich. Versuche, die Manuskripte einzutüten und an große Verlage und kleine Alternativklitschen zu schicken, scheiterten kläglich. Der Unterschied zwischen den großen und kleinen Verlagen war nur der, dass die großen Verlage auf spontane Manuskripteinsendungen noch nicht einmal reagierten, während einer von 10 alternativen Verlagen sich zumindest die Mühe machte (und damals noch Briefporto zahlen musste), einen Standardablehnungsbrief zurückzuschicken. Auch das damalige alternative Off-Theater in Westberlin wollte nichts von meinem zusammengebrauten Theaterdonner wissen. 2017 (nach mehr als 30 Jahren!) habe ich dann die besten dieser alten Gedichte und auch die zwei wilden Theaterstücke bei „epubli“ veröffentlicht.

Nach den 80er Jahren fiel ich in ein noch tieferes kreatives Loch. Umzug nach Italien, Heirat, häufige Ortswechsel, prekäre Arbeitssituation, Geburt der Tochter, dann 7 ½ jahrelang ein Job in der Marmorindustrie in Verona. Das erste Mal ein bisschen Kohle, aber keine Zeit zum Lesen, zum Schreiben, zu gar nichts. Wer die Arbeitszeiten und die Chefs in den norditalienischen Büros kennt, weiß, wovon ich rede. Dann der überraschende Berufswechsel 2005 in den Schuldienst (nur in Italien sind solche wilden und sprunghaften Karrieren möglich).  Weniger Geld, aber mehr Zeit. Dann 2010 der Tod meines Vaters, der für meine literarischen Kreuzfahrten auf den 7 Weltmeeren nichts übrighatte und lieber in den Bergen kraxelte und Ski fuhr. Diesmal wollte ich es ein bisschen professioneller angehen, die eine oder andere Münze aus Erbschaften war da, auf Ablehnungsschreiben hatte ich keine Lust mehr, also gleich einer dieser von allen Schreibprofis und Feuilletonpromis verachteten Bezahlverlage, Scheiß drauf, dass die alle einen so schlechten Ruf als Abzockerbanden und unseriöse Panzerknacker mit 7-Tages-Bart haben.

Den SWB-Verlag in Stuttgart habe ich ziemlich zufällig und schnell ausgewählt. An eigene Texte traute ich mich erst einmal nicht ran, besser Biografien über Rockmusik, am besten angefangen mit Bob Dylan, über den ich ja meine Magisterarbeit (allerdings vor fast 20 Jahren) geschrieben hatte. Es machte zudem auch Spaß, sich wieder mit Bob Dylan zu beschäftigen, das erste Buch „Zimmys Jukebox“ wurde 2011 veröffentlicht. Kosten: etwas über 2.000 Euro. Der Ein-Mann-Betrieb/Verlag war von meiner Schreibe angetan und bot mir an, in Zukunft kostenfrei weitere Rockmusiker-Biografien zu veröffentlichen. Was hatte der gute Mann im Kopf? Zumindest musste ich nicht jedes Mal wieder 2.000 Euro für ein neues Buch blechen. Um seinen guten Willen zu bekunden, wurde im Frühjahr 2012 sogar eine Abrechnung nach allen Regeln der Vertragskunst über die verkauften Bücher von Bob Dylan geschickt. Das waren wohl so um die 120, 130 Euro. Aber damals dachte ich, das ist ja nur der Anfang, das wird ja langsam immer mehr werden und ich kann mir auf diese Weise einen schönen Nebenverdienst außer dem kargen italienischen Lehrergehalt erschreiben.  Volle Fahrt voraus!  Auf zu Ruhm und Glorie bei den imaginären Exkursionen und Expeditionen im Schriftstellerfirmament.  Mit 52 hat man noch Träume. Mit 53 hatte ich sie mir endgültig abgeschminkt. Was war passiert?

Im November 2012 hatte ich ziemlich einfallslos und dem ollen Hippie trail folgend, ein Buch über Leonard Cohen veröffentlicht („Die Ohnmacht der Worte“). Diesmal sollte es krachen. Keine 200 Seiten mehr wie bei Bob Dylan, sondern über 400 Seiten, und vor allem auf Biegen und Brechen ein „origineller“ Schreibstil. Also am Ende des Buchs nichts mehr über Leonard Cohen, sondern ein paar Kapitel über mich selbst, irgendetwas Vermischtes zwischen Biografie und privater Wut im Bauch.  Ein Konzeptbuch, oh yeah, was auch immer das sein soll. 2012 hatte einer meiner Onkel Selbstmord begangen, ich hatte Grund genug, mich wieder einmal über meine bucklige Verwandtschaft zu ärgern. Ich nannte Namen (oder zumindest eindeutige Sachverhalte), die Lektorin war völlig überfordert und merkte nichts, auch beim Buchsatz gab es jede Menge Pleiten, Pech und Pannen. Nach einigen Monaten flatterten zwei Unterlassungsklagen der im Buch genannten Personen nach Stuttgart ins Verlagsbüro. Die Kacke war am Dampfen. Der Verlag in der Person seines einzigen Besitzers flippte mit rotem Kopf aus. Friede, Freude, Wutausbruch. Mit meiner großen Karriere als Schriftsteller war erst einmal Essig. Wie alles ausgegangen ist, weiß ich bis heute nicht. Die Sache zog sich nämlich jahrelang hin und ich wurde nur unzureichend informiert. Der Mini-Verlag hatte „wegen meiner Schuld“ sicher Rechtsanwalts- und Entschädigungskosten. Er machte mir ständig ein schlechtes Gewissen, weil ich ihm die ganze Scheiße eingebrockt hatte, mein Gegenargument, dass die wirkliche und juristisch relevante Schuld beim Verlag und der Lektorin lag, zog nicht so recht, außerdem wollte ich weiter Bücher veröffentlichen, am Ende habe ich zweimal geblecht, einmal 2013, ich glaube € 2.000 und dann vielleicht 2017, als alles noch einmal mit einer Vorladung beim Landgericht Waiblingen hochflackerte, einen zweiten Betrag, ich denke € 1.500. Irgendwie hatte ich wohl € 10.000 als Gesamtschaden ausgerechnet und den Betrag durch 3 geteilt (Autor, Lektorin, Verlag). Beim Rechnen war ich schon immer ein dummes Mildmädchen gewesen. Die Veröffentlichungen gingen weiter: Patti Smith 2013, Rio Reiser 2015 und dann noch einmal eine Neuauflage des Leonard-Cohen-Buchs (2018). Aber wenn einmal der Wurm drin ist, kriegt man ihn nicht mehr so einfach raus. Ich habe natürlich in dieser vertrackten Situation ganz auf jedes eigentlich in den Verlagsverträgen vereinbarte Honorar verzichtet, beim letzten Cohen-Buch auch auf die Honorare 2018 und 2019. War so eine Goodwill-Aktion richtig oder falsch? Vor etwa einem Jahr habe ich die Abrechnung von 2020 bekommen, wieder etwa so € 120/130. So ein Sachbuch hat sich selbstredend am Anfang besser verkauft als nach 2 Jahren, so dass die Haupteinnahmen an mir vorbeigeflossen sind.  Vor ein paar Monaten kam dann die Abrechnung zur zweiten Jahreshälfte 2021: € 80. Der Verlag war inzwischen verkauft worden, der neue Besitzer meinte, für die erste Jahreshälfte solle ich mich an den Vorbesitzer wenden, was ich natürlich nie gemacht habe. Bei diesen Millionenbeträgen. Fazit: 11 Jahre Tätigkeit für den SWB-Verlag, der inzwischen viele, mir unverständliche Namensmutationen hinter sich hat, 5 (eigentlich 4 ½) veröffentlichte Bücher, Kosten für mich ca. € 5.500, Einnahmen € 320. Das war wohl nichts mit dem einträglichen Nebenverdienst. Schon eher ein teures, nerviges und anstrengendes Hobby. Aber es sollte noch schlimmer kommen.

Diesmal schrieb ich (inzwischen natürlich ausschließlich digital per Mail) eine Reihe von Bewerbungen an Literaturagenturen. Das ist ja inzwischen der Trend, nicht mehr direkt an die Verlage, sondern an Agenturen als Vermittler, die die andrängende Flut filtern. Bei mir war allerdings der Vermittlungseifer klein und der Filter sehr feinmaschig, so dass gerade mal ein paar mehr oder minder intelligente Absagen folgten. Diesmal nicht mehr im Verhältnis 10:1 wie bei den Kleinverlagen, sondern autorenfreundlicher 5:1. War ich inzwischen doppelt so gut geworden? Meine Stimmung war trotzdem am Tiefpunkt. Das Goethe-Institut in Neapel veranstaltete regelmäßige Autorentreffen mit jungen Schriftstellerinnen (ich kann mich nur an Frauen erinnern). Sehr zum Leidwesen der Direktorin schleppte ich meine gerade veröffentlichten Bücher an, versuchte mit den Damen ins Gespräch zu kommen und irgendetwas Konkretes in die Wege zu leiten. Herausgekommen ist nichts dabei.

Ein Freund aus alten West-Berliner Mauerzeiten hatte während einer Party die Besitzer eines Verlages kennengelernt, und die hatte sich bereit erklärt, meinen Roman zu veröffentlichen! Endlich hatte ich es geschafft, reich und berühmt zu werden! Doch schnell stellte sich bei dem Treffen im schwer zu erreichenden Lichtenrade heraus, dass meine hochfliegenden Träume wieder einmal nur Schäume gewesen waren. Mein erster Roman („Niemand sagt was“) war trotz des relativ kleinen Umfangs ein schwieriges Buch für mich. Sehr persönlich, sehr viel Seele. Gegenlesen war nötig. Ich beauftragte eine Lektorin in Österreich, die tatsächlich vieles rauswarf, ummodelte und dadurch das Buch viel besser machte. Wir arbeiteten einige Wochen an dem Manuskript, am Ende wollte sie € 2.000. War das viel? War das wenig? Wenn sie 40 Stunden daran gearbeitet hat, war das ein Stundensatz von € 50 für eine schwierige, kreative Arbeit. Andererseits bekommen professionelle Lektoren sicher keine € 2.000 für jedes Buch. Die Dame mit dem englischen Nachnamen hat wohl meine Notsituation auch ausgenützt. Als mir dann der Westkreuz-Verlag den Verlagsvertrag unter die Nase hielt, musste ich schlucken, doch es war zu spät, um „Nein“ zu sagen. € 4.000 für eine Auflage von 500 Büchern. 2017 folgte ein weiteres Buch beim Westkreuz-Verlag.: „Italien“. Eine Mischung aus Essays, Glossen, Artikeln und Kurzgeschichten, Fakten und Fiktion. Nichts Ganzes und nichts Halbes also. Der Roman und das Zwitterbuch verkauften sich beide schlecht, was noch euphemistisch formuliert ist. Beim Westkreuz-Verlag hatte ich also nicht gekleckert, sondern geklotzt. 2 Bücher, keine Einnahmen, € 8.000 Miese.

Wie sollte es weitergehen.? Es blieben eigentlich nur noch die Self-Publishing-Verlage übrig (außer meiner Weblog-Seite, die mich auch im Jahr € 150 kostet). Außer Spesen nichts gewesen. Bei den Wannabes und Möchtegerns gelandet, die zu schlecht schreiben, um bei einem ernsthaften Verlag veröffentlicht zu werden. War ich also einfach zu laienhaft, zu mittelmäßig, zu sehr ein dilettantischer Hobby-Schriftsteller? Oder lag es doch an den widrigen Umständen? Ich war immer noch ein Nobody, ich hatte eine schwierige, negative Schreibe und einen bockigen, verhagelten Schädel, die sicher nicht für den literarischen Mainstream geeignet war, wie sollte ich dann einen wichtigen Lektor oder die schicksalshafte Verlegerin bei einer Party kennenlernen, wenn ich weit weg in Italien lebte? Und dann gibt es natürlich noch die böse Kulturmafia in der Tradition Reich-Ranickis, die darüber entscheidet, wer die Leiter nach oben oder nach unten steigt. Es sah und sieht schlecht aus, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser. Und es gab keinen Anlass zu glauben, dass es jemals besser werden würde.  Bei „epubli“ in Berlin zu veröffentlichen war zwar nicht teuer (wenn man von den paar gedruckten Print-Exemplaren absah, die man sich nach Italien schicken ließ), aber verbreitete den strengen Geruch des Dilettantismus. Alles musste man selber machen: das Buch schreiben, das Manuskript lektorieren und korrigieren, das Buchcover designen. Fehler waren bei nur 2 Augen unvermeidlich. Werbung gab es keine, Rezensionen bei wichtigen Zeitungen und Zeitschriften auch keine. Man schreibt und veröffentlicht für sich selbst. Viel Arbeit, kein Verdienst (in der Vergangenheit auch erhebliche Ausgaben), unvermeidliche Frustration, das ist für mich meine Arbeit als Schriftsteller. Bei „epubli“ habe ich bisher 3 Bücher veröffentlicht (ein viertes soll folgen). Kosten pi mal Daumen für die 4 Bücher € 400, Einnahmen laut Webseite „Verkäufe und Einnahmen“ bisher:  €. 16,17.

Kunst kommt von „Können“, wie man liest. Ich glaube, Joseph Beuys hat gesagt, Kunst kommt vom Künden, das heißt, ein Zeichen zu setzen. Das wäre immerhin schon einmal ein kleines Trostpflaster für die vielen Wunden.

Jörg Fauser: Kalte Fakten kühne Träume

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