BoBoKo (11)

Keiner weiß so recht, warum die Camorra so heißt, wie sie heißt, und wieviel Geld sie verdient. Aber das macht ja nichts, denn auch ihre Ursprünge verlieren sich im Dunkel des italienischen Mittelalters. Nach der Lektüre des Kapitels ist man auch nicht schlauer als vorher.

Von einer kriminellen Organisation wie der Camorra erwartet man ja keine jährlichen Hauptversammlungen, spannenlangen Bilanzen und nudeldicke Finanzplanungen wie etwa bei der Deutschen Lufthansa AG, Aldi Nord oder der Merckle Unternehmensgruppe. Doch Pi mal Daumen macht die Camorra dieselben Umsätze im Jahr wie unsere ehrenwerten, börsenquotierten Firmen. Nur dass uns hier niemand möglichst bequem von Frankfurt nach Los Angeles schaukelt, wir uns keinen Sixpack Maternus-Pilsener zu € 1,69 in den Kofferraum stellen und im Gegensatz zu Babette Albrecht nicht verstehen, wie man bei diesen Preisen noch etwas verdient, und auch nicht Ludwig Merckle bereichern, wenn wir uns in der Apotheke Kestine Lingual Schmelztabletten gegen Heuschnupfen kaufen und brav unter dr Zunge zerschmelzen lassen. Nein, bei der Camorra gelten nicht die kapitalistischen Prinzipien von Risiko und Profit, sondern Schikane, Angst und Blutsbrüderschaft. Ein paar Zahlen: Für die Amis ist die Camorra die zweitgrößte kriminelle Organisation überhaupt (noch böser ist der russische Brother Circle) und macht Umsätze in der Größenordnung von 25 Milliarden Dollar pro Jahr. Schluck! Womit? Illegale Müllentsorgung, Fälschungen (Kleidung, Filme, Elektronik, Banknoten), Drogenhandel, Korruption bei der Vergabe von Bauaufträgen über öffentliche Ausschreibungen, Waffenhandel,

Schutzgelder und Wucherkredite, Prostitution. Heute kontrollieren Dutzende von Großfamilien der Camorra praktisch das gesamte Gebiet der italienischen Provinzen Neapel und Caserta. Was für einen Außenstehenden erst einmal seltsam ist, dass die inzwischen fast lückenlose Kenntnis dieser Sachlage nicht zwangsläufig auch früher oder später zu einer Reaktion der Staatsgewalt führt, deren Aufgabe es ja wäre, für Recht und Ordnung zu sorgen oder zumindest wiederherzustellen. Auch diese seltsame Schieflage hat, wie so oft historische Gründe. Unter den Bourbonen (in der Zeit zwischen dem Wiener Kongress und der Gründung des italienischen Königreichs) war die Camorra eine Art geduldete „Volkspolizei“ in den Diensten des spanischen Königshauses, das in den Gefängnissen, Glückspielhäusern, Bordellen und den heruntergekommenen und verrufenen Plebejervierteln Neapels autonom Schutzgelder eintrieb und sogar eine eigene Gerichtsbarkeit unterhielt. Aniello Ausiello di Porta Capuana. Woher der Name der Organisation kommt, interessiert eigentlich nur irgendwelche Studenten oder Professoren, die sich professionell mit dem Thema beschäftigen. Camorra? Die biblische Stadt der Sünde Gomorrha! Oder: Gamurra war möglicherweise im Hochmittelalter eine Gruppe sardischer Söldner in den Diensten der Seerepublik Pisa. Es gibt noch andere Erklärungsversuche, die allerdings am Ende wenig erklären. Um den Objektivitätsaposteln den Wind aus den Segeln zu nehmen, sei hier noch angemerkt, dass der Norden Italiens zwar keine endogenen kriminellen Strukturen hat, aber trotzdem nicht unbedingt sympathischer ins Waldhorn stößt. Die inzwischen regierungsbildende Lega (früher Lega Nord) wurde noch vor drei Jahren von einem schweren Finanzskandal wegen illegaler Parteienfinanzierung und anderer Vermögensdelikte gebeutelt, die inzwischen zu einer Verurteilung in erster Instanz und Kontosperrung geführt hat. Der Lack des angeblichen moralischen Vorsprungs gegenüber dem korrupten Süden blätterte immer mehr ab. Nach einem radikalen Führungswechsel säuberte Vizekanzler und Innenminister Matteo Salvini, der sich einer starken Affinität zu Matthias Strache und Sebastian Kurz rühmt und sich schon einmal mit einer Bomberjacke der Forza Nuova im Mailänder Fußballstadion sehen lässt, mit dem Eisenbesen den versifften Augiasstall der Politik auskehren will und seit Jahren der Big Boy der italienischen Politik ist. Unter anderem hat Salvini auch die Finanzen der Partei völlig neu geordnet. Zirka 45 Millionen Euro Parteivermögen hat er durch superkomplizierte, zwar legale, aber moralisch fragwürdige Finanztransaktionen vor dem Haifischmaul des italienischen Fiskus gerettet. Drei vife Steuerberater aus Bergamo legten ein für Außenstehende undurchschaubares System von Schachtelfirmen und Treuhändergesellschaften an, das seine Tentakel längst mit einem fetten Schmatz in der nahen Schweiz, aber auch im nicht gerade für seine Steuermoral bekannten Luxemburg aufgedrückt hat. Wir sind doch nicht blöd.

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