Michel Houellebecqs „Elementarteilchen“

Der 1998 erschienene Roman ist natürlich ein ganz anderes Kaliber als die kürzlich von mir besprochene, vergleichsweise harmlose Erzählung „Lanzarote“. In „Elementarteilchen“ versucht nämlich Houllebecq nicht nur eine fiktionale Autobiographie, sondern entwirft ein groß angelegtes Panoptikum der westlichen Industriegesellschaften am Ende des 2. Jahrtausends ( das problemlos auch auf die Gegenwart im Jahr 2022 übertragbar ist).

Wenn man sich auch nur ein paar schnelle Notizen zu Houllebecq in Wikipedia durchliest, findet man natürlich eine Unmenge von konkreten Entsprechungen im Romantext, die sicherlich kein Zufall und in den letzten über 20 Jahren in der Fachliteratur in allen Details aufgedröselt worden sind. Das geht bis zum fast schon surrealen Streit um das Geburtsjahr 1956 oder 1958. Natürlich ist ein Roman keine einfache Autobiographie, aber weitere diesbezügliche Überlegungen würden uns in ein ziemlich langweiliges literaturtheoretisches Exerzierfeld führen, für die hier glücklicherweise auch nicht der richtige Ort ist. Kurz gesagt: Houllebecqs Roman ist sicherlich auch eine Auseinandersetzung mit seinem wirklichen Leben. Genau diese Reflexion macht den Roman authentisch und interessant.  Man denke nur etwa an Houllebecqs reale naturwissenschaftliche Ausbildung und die schizophrene Spaltung des Protagonisten in einen Geistes- und Naturwissenschaftler (Gymnasiallehrer und Molekularbiologe).

Der Geisteswissenschaftler Bruno Clement, wie sein Halbbruder Michel als emotionaler Waise aufgewachsen, führt uns die ganze Misere der gescheiterten Ideologien der Philosophiegeschichte des Abendlands vor und stellt die ziemlich kühne Hypothese in den Raum, dass wir alle am Ende einer sogenannten metaphysischen Revolution stünden. Die sogenannte „Neuzeit“ mit ihrer Betonung des Materialismus, der individuellen Freiheit und des sexuellen Liberalismus würde bald durch ein neues Zeitalter abgelöst, die von einer geklonten, unsterblichen und geschlechtslosen Menschenrasse ohne jede Individualität dominiert werden werde. Der sexbesessene Bruno findet in einem sarkastisch „Ort der Wandlung“ genannten FKK-New Age-Freizeitcamp zwar kein überzeugendes Ideologieangebot, aber zumindest die ebenfalls sexbesessene Christiane. Happy End? Natürlich nicht! Christiane erkrankt an Krebs, begeht Selbstmord, Bruno verliert den Verstand und endet in einer psychiatrischen Klinik.

Der weltfremde, depressive Michel Djerzinski versucht ebenfalls eine gescheiterte tragische Beziehung mit seiner ehemaligen Jugendliebe Annabelle, die von ihm schwanger wird, abtreibt und, an Gebärmutterkrebs erkrankt, ebenfalls Selbstmord begeht. Michel entwickelt anschließend in einem Forschungsinstitut in Irland eine neue genetisch manipulierte Menschenrasse ohne Sexualität, Alter und Tod. Als Vorbild wird im Roman selbst Aldous Huxleys „Brave New World“ genannt, das allerdings in der Einschätzung des französischen Autors von einer Dystopie in eine Utopie mutiert. Die „schöne, neue Welt“ Houllebecqs?

„Elementarteilchen“ wurde wegen angeblicher Nähe zu rechtspopulistischen Ideen (Genetik, Rassismus, Misogynie etc.) zum Teil stark kritisiert. Ich selbst kann allerdings mit diesen offensichtlich provozierend eingesetzten Thesen umgehen. Was mich bei der Lektüre manchmal stört, ist Houllebecqs an einigen Stellen weit ausholender Schreibstil, der dann gefährlich in die Nähe von Gefasel und Gelaber abdriftet. Dem Roman hätten eine Straffung und Abmagerungskur gutgetan. Trotzdem ist er voll von gelungenen poetischen Pointen, die ich gern brav mit meinem gelben Marker hervorgehoben habe.

Wahrscheinlich ist „Elementarteilchen“ einer der wichtigsten Romane der letzten Jahrzehnte.

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