Oh! Sweet Nuthin‘

Schluss mit lustig oder Riposto ist doch ein Stadtviertel von New York

Immer wieder ist unter Battiato-Experten auf die sizilianische Herkunft des Liedermachers hingewiesen worden, um seine Nähe zu orientalischen Philosophien und „östlichen“ Weltansichten zu erklären. Schließlich war ja Sizilien in seiner Geschichte Schauplatz arabischer Eroberungsfeldzüge gewesen und ist nicht nur geographisch nah dran an der Küste Nordafrikas. Mich selbst überzeugen allerdings solche enthnopsychologischen Erklärungsansätze nur wenig. In unserer posthochzwei-modernen westlichen Kulturwelt (in der sich das „post“ in immer kürzeren Abständen exponentiell vervielfacht) leben wir Bewohner der Ersten Welt alle wie in einem gigantischen globalen Supermarkt der Weltanschauungen. Wir rollen unsere smarten Einkaufswagen durch diese Geisterbahn der Ideen und holen uns aus den prall gefüllten Regalen das heraus, was uns am meisten passt und schmeckt. Ein solches mentales Amazon- oder Aliexpress-System, wo Karl Marx gleich hinter Mars-Riegel indiziert ist, funktioniert überall gleich: ob Madrid, Prag, Athen oder Budapest spielt eigentlich keine (oder zumindest keine entscheidende) Rolle. Unsere kulturelle Ausrichtung ist weniger von der jeweiligen geographischen Herkunft und Sprache als von sozialen Vorgaben, persönlichen Vorlieben und einem wahrscheinlich letztendlich unerklärbaren privaten Gemütskorsett beeinflusst. Es ist seit einiger Zeit bei Soziologen immer mehr die Rede von Auflösungs- und Zersetzungserscheinungen dieser westlichen Kulturlandschaften, von „flüssigen Gesellschaften“ und zentrifugalen Mechanismen mit starken Fliehkräften, welche immer mehr Systemelemente nach außen in die Peripherie verdrängen und ein Verbleiben im begehrten Machtzentrum fast unmöglich machen. Und tatsächlich scheint seit Jahrzehnten unser einfallsloses und marodes Kulturleben bestenfalls im Leerlauf auszurollen oder, wahrscheinlicher, fatal ab- und rückwärts zu trudeln. Es gab jedoch ab den 60-iger Jahren und bis in die 80-iger Jahre des vorigen Jahrtausends hinein noch größere relevante kulturelle Strömungen, von denen man unweigerlich mitgerissen wurde. Heute ist authentische Kultur längst in einem weltweiten Leipziger Allerlei verloren gegangen, wo Platon und Schopenhauer dasselbe Gewicht auf die Waage bringen wie die neue siebenundsiebzigste Rolex von Ronaldo oder die Darts-Würfe des German Giant Gabriel Clemens. Zlatan Ibrahimovic kauft sich Wald in Schweden für drei Millionen Euro, um dort zu jagen, zu fischen und im Winter im Motorschlitten durch den Pulverschnee zu rasen.Das sind heute die für meine Generation unerträglichen kulturellen Neuheiten. Battiato ist sicherlich ein Kind dieser kritischen 60-iger und 70-iger Jahre mit ihrem nach-freudianischem Unbehagen in der Kultur, ihrer Abneigung klassischer bürgerlicher Erziehungsideale und Werte und ihrer Suche nach einer besseren anderen Welt. Man glaubte nicht mehr an Wilhelm Meisters lineare Persönlichkeitsevolution zum edlen, hülfreichen und guten Menschen, hasste das Motto der Olympischen Spiele „Citius, Altius, Fortius“ sowie Ingolstadts „Vorsprung durch Technik“ und blickte nach einer weiteren schweren Persönlichkeitskrise nicht auf die Sonnenseite, sondern auf das modrige Moos im Schatten der westlichen Kultur. Die schweigende Mehrheit der Gesellschaft, die mit beiden Füßen fest auf dem Boden der Tatsachen zu stehen schien, hasste diese versprengten Spinner und Revoluzzer. Dennoch haben die historischen Verdienste dieser Freaks und Drop-Outs die Zeiten überlebt. Ohne dass hier der Ort sein kann, ihnen die moralische Rehabilitierung der westdeutschen Nachkriegsgesellschaft detailliert gutzuschreiben oder gar über die prophetische Voraussicht des Beginns einer neuen multimedialen Ära zu schwadronieren, die in den folgenden Jahrzehnten (Jahrhunderten) die gesamte kulturelle Gemengelage der okzidentalen Kultur komplett auf den Kopf stellen würde, sei mir an dieser Stelle erlaubt, zumindest anzumerken, dass diese Generation  das erste Mal (schüchtern und ohne schnelle politische Konsequenzen) auf die bleibenden katastrophalen Umweltschäden hingewiesen hat, die der umjubelte maschinelle Fortschritt seit der industriellen Revolution mit sich gebracht hatte. Heute sind solche grünen Standpunkte Mainstream und in aller Munde, damals vor einem halben Jahrhundert handelte es sich um bekämpfte und belächelte Außenseiterpositionen einer kleinen Minderheit. Die klügsten und ehrlichsten Geister dieser Protestkultur hatten allerdings schnell begriffen, dass allzu optimistische Utopien von einem besseren Menschen und einer gerechteren Gesellschaft im Laufe der Geschichte mit schöner Regelmäßigkeit Schiffbruch erlitten und kläglich abgesoffen waren, vermutlich ganz einfach wegen der endogenen und im humanen Bios verankerten Bösartigkeit der menschlichen Natur, die zusammen mit der genauso anlagebedingten Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz jeden Utopieentwurf a priori schwer belasteten musste.

Wo ist das Schlupfloch? Der düster schwarze Nihilismus muss gesüßt werden, um ihn runterschlucken zu können. „Oh! Sweet Nuthin‘“ ist ein Lied der nordamerikanischen Rockband Velvet Underground aus ihrem vierten und letzten Album „Loaded“ (1970), als die Band schon in Auflösung begriffen war und Frontman Lou Reed seit Monaten fehlte. Das geniale Lied, das etliche handwerkliche Schwächen aufweist, erzählt die Geschichte von vier Verlierern der amerikanischen Gesellschaft, die absolut nichts mehr besitzen. Jimmy Brown hat sein letztes Hemd verloren. Ginger Brown ist depressiv. Ihm werden die Schuhe von den Füßen weggestohlen und er lebt auf der Straße. Polly May ist ohne Zuhause und obdachlos. Joanna Love ist Nymphomanin und wird in ihrer Sucht nach Liebe nur ausgenutzt. Seltsamerweise endet das Lied aber nicht in dem erwarteten aggressiven, düsteren und verzweifelten Nihilismus, sondern schaufelt sich den Weg frei für eine seltsame Euphorie und Ekstase der Musik. Der Nihilismus ist nicht mehr verbittert und verbiestert, sondern süß. Und hier gibt es dann Raum für viele mehr oder minder kühne, überzeugende oder abstruse Spekulationen und Assoziationen. Die Ekstase und Euphorie der Musik entspricht möglicherweise der (temporären) Persönlichkeitsauflösung bei der buddhistischen Meditation und mündet in den Gedanken der Reinkarnation ein. Dem Tod wird dadurch der Stachel des definitiven Endes gezogen. Das Märchen „Die Sterntaler“ käme mir in den Sinn, das Georg Büchner in seinem „Woyzeck“ so grausam zerfleischt hat, wo das arme Waisenkind alles verliert, bevor es für seine Nächstenliebe fürstlich belohnt wird. Die Letzten werden die Erstens ein. Im Augenblick des absoluten Vakuums, als das Mädchen in einer eiskalten Winternacht sein letztes Hemd verliert/verschenkt hat und absolut nichts mehr besitzt, wird das Nichts plötzlich süß. Der Himmel öffnet sich und lässt die himmlischen Bitcoins Sterntaler herunterregnen. Ein solcher „deus ex machina“ ist zugegeben nur im Märchen und in der Sonntagspredigt des Stadtpfarrers möglich, die kein Mensch mehr hören will. Rational ist sie nicht fassbar. Eine zutiefst religiöse (christliche) Botschaft, allerdings sehr widersprüchlich gepaart mit dem Regen hart klingender Goldmünzen. Eine Abbildung des Märchens gab es auf der Rückseite des letzten 1000-DM-Scheins der Deutschen Bundesbank.

Franco Battiato kennt sicherlich die Gruppe Velvet Underground. Man denke nur etwa an „Shock In My Town“ (1998). Auch bei ihm ist durchgehend ein nihilistischer Grundton in seinen Songs spürbar, der nur durch die Annäherung an orientalische Philosophien (Gurdjieff, Buddhismus, Reinkarnationsglaube, Karma) gelindert/versüßt werden kann. Kein „dolce far niente“, keine italienischen Stereotypien, sondern eine grausame Konfrontation mit der splitternackten Wahrheit, dem zeitlosen „dolce niente“.

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