E ti vengo a cercare

Hier ein Ausschnitt aus dem Manuskript, an dem ich gerade arbeite:

E ti vengo a cercare (Aus: Fisiognomica)

Cercare l’Uno al di sopra del Bene e del Male

Auch wenn der Text in einer cohenschen Schwebe zwischen spirituellen und erotischen Gelüsten wabert und man nicht weiß, ob das Gegenüber Gott oder eine konkrete Frau ist, erscheint die erste Alternative eindeutig glaubwürdiger, wie Battiato auch wortwörtlich bestätigt hat:

Es handelt sich um ein bewusst zweideutiges Lied. Die Suche ist doppelt. Auch eine Frau oder ein Mann sind wie Gott für den, der liebt. Aber tendenziell geht es um ein höheres Wesen.[1]

Diesmal hat allerdings die Spiritualität Battiatos eine christliche Schlagseite. Wie vielleicht nicht anders zu erwarten, handelt es sich allerdings nicht um akademische Konzepte aus der Rumpelkammer verstaubter kirchenamtlicher Dogmas und nach Weihrauch duftender Konzilsdekrete, sondern um ziemlich wilde und baufällige Spekulationen aus dem häretischen Umfeld der Gnosis.

Gnosis wird oft als Sammelbegriff für eine Reihe frühchristlicher esoterischer Schulen verwendet, die neben der christlichen Standardreligion hauptsächlich im 2. bis 4. Jahrhundert in Erscheinung treten.[2] Es handelt sich um, einmal wegen der problematischen Quellenlage, aber auch angesichts unvermeidlicher Vermischungen mit damals aktuellen christlichen und hellenistischen Positionen (Zarathustrismus, Pythagoreismus, Platonismus) nur mühsam einzuordnende metaphysische Strömungen mit vielen Verzweigungen und Verästelungen. Die religiös-dualistische Weltsicht der Gnostiker unterscheidet zwischen einem allgütigen und übergeordneten, allerdings auch verborgenen und desinteressierten Gott (Abraxas) und einer diesem untergeordneten Schöpfergottpaar (Demiurg), das Gut und Böse zugleich ist. Abraxas steht über diesem Schöpfergottpaar, das die Welt geschaffen hat und den Menschen an die Materie binden will. Abraxas erzeugt im selben Moment, im selben Wort und in derselben Handlung Wahrheit und Lüge, Gut und Böse, Licht und Schatten. Die menschliche Seele ist ein Schlachtfeld, auf dem dieser nie endende Kampf zwischen Gut und Böse stattfindet. Wichtig ist nicht so sehr, ein besserer Mensch zu werden, sondern den Kampf des Guten und Bösen in sich zu erkennen (von altgriechisch γνῶσις= Erkenntnis, Wissen). Valentinus, ein gnostischer Lehrer aus dem 2. Jahrhundert, entwickelt eines der umfangreichsten gnostischen Systeme und teilt die Menschen in drei Kategorien ein: Pneumatikoi (πνευματικοί=Geistartige), Psychikoi (ψυχικοί=Seelenartige) und Hylikoi (ὑλικοί=Stoffartige). Nur die ersten beiden Kategorien haben die Präsenz eines göttlichen Funkens in sich bemerkt und sich auf den Weg der spirituellen Erneuerung gemacht. Die höchste spirituelle, gottnahe und überhimmlische Zone nennt Valentinus Pleroma (πλήρωμα=Fülle), das Reich des reinen Geistes und bevölkert es mit 30 göttlichen Emanationen (Äonen), das heißt Geistwesen, die 15 männliche und weibliche Paargemeinschaften (Syzygien) bilden. Gemäß einem weiteren wichtigen Gnostiker Simon Magus, der auch im offiziellen Neuen Testament Erwähnung findet (oder vielleicht auch seinen frühen Nachfolgern), ist Gott (Abraxas) zwar einer und einziger, trägt aber einen Urgedanken Protennoia (προτέννοια) in sich, der im Keim eine zukünftige Entfaltung zur Vielheit und gar Unendlichkeit enthält. Dieses Urprinzip manifestiert sich in drei Paardualismen mit altgriechischen Bezeichnungen Nus (νοῦς=Verstand) und Epinoia (έπινοια=Vorstellung, Einsicht), Phone (φωνή=Stimme, Laut) und Onoma (ὄνομα=Name), Logismos (λογισμός=Urteil) und Enthymesis (ἐνθύμησις=Einfühlung), mit denen sich eine potentielle siebte „unendliche Kraft“ (δύναμις=Kraft) vereinigt. Nus und Epinoia sind die Grundelemente Feuer und Erde, Logismos und Enthymesis Luft und Wasser, Phone und Onoma werden zu den formenden Kräften Sonne (das Warme) und Mond (das Kalte), wobei allen die «unendliche Kraft» beigemischt ist. Alle zusammen entsprechen sie den sieben Schöpfungstagen der Bibel. Die Gnostiker sind überzeugt davon, mit solchen metaphysischen Taschentricks göttliche Offenbarungen erfahren zu haben und über ein geheimes Wissen für wenige Erleuchtete zu verfügen. Nach dem Tod begibt sich die vom Körper und der Materie befreite Seele auf eine Reise zu den Planeten, wo sie Leidenschaften und Affekte ablegt. Oberhalb der Planeten, die natürlich auf dem damaligen geozentrischen Weltbild beruhen, ist die Sphäre des Demiurgen (manchmal auch Paradies genannt), wo die Pneumatiker, die den „göttlichen Funken“ in sich tragen, ihre Seele verlieren und in das überhimmlische Reich des reinen Lichts eingehen.

Was ist für einen frommen Christen „häretisch“ an solchen Spintisierereien? Bei den Gnostikern sind Gut und Böse gleichberechtigt und aufeinander angewiesen. Bei den Christen kommt das Böse durch die Erbsünde in die Welt und muss bekämpft werden. Bei den Gnostikern ist der höchste Gott uninteressiert am Menschen und an der Materie. Bei den Christen ist Gott Mensch geworden und für sie am Kreuz gestorben. Jesus von Nazareth wird bei den Gnostikern (Valentinus) als (untergeordnetes) göttliches Wesen verstanden: Er isst und trinkt, hat aber keine Verdauung. Ein Engel mit kosmischer Darmverschlingung? Bei den Gnostikern ist der Mensch selbst göttlich. Bei den Christen hingegen sind Gott und die Schöpfung nicht aus derselben Substanz.

Wenn man sich diese Weltsicht vor Augen hält, werden die folgenden Textzeilen besser verständlich

Emanciparmi dall’incubo delle passioni

Cercare l’Uno al di sopra del Bene e del Male

Essere un’immagine divina di questa realtà

 

Die Ablehnung von Leidenschaften und Affekten, die spirituelle Suche nach einem Gott jenseits des ewigen Dualismus zwischen Gut und Böse, die Ablehnung der Materie und die Suche nach dem göttlichen Funken in sich selbst, das alles sind sicherlich Konzepte, die den gnostischen Weltsystemen sehr nahe kommen.

[1] Pulcini, Franco: ebda. Seite 81.

[2] Hier kann natürlich nicht der Ort für eine ausführliche diskursive Besprechung der Gnosis sein, bei der letztendlich noch nicht einmal die Bezeichnung eindeutig definiert zu sein scheint (Gnosis, Gnostik, Gnostizismus). Einen ersten möglichen Einstieg in die schwierige Materie bietet der schöne Artikel „Gnosis als Weg der Erkenntnis zur Befreiung des Menschen“ von Josef Frickel aus dem Jahre 2003: http://www.weltfriede.at/gnosis.htm. Eine gute Einführung findet man auch im einschlägigen Anthro-Wiki-Artikel https://anthrowiki.at/Gnosis.

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