Wolfgang Borchert

Etwas über Wolfgang Borchert zu sagen, ist nicht gerade ein Zeichen von sprühender Originalität. Nicht nur, dass ich mich daran erinnere, dass er Teil meines eigenen gymnasialen Deutschunterrichts in den siebziger Jahren war, den Lehrer inszenierten, die Borchert in den fünfziger und sechziger Jahren an der Universität als Teil des Literaturkanons kennengelernt hatten, Borchert ist ja inzwischen fast so bekannt wie Franz Kafka und als wichtigster Vertreter der Trümmerliteratur eine literarische Lichtgestalt und Märtyrer. Ein Gutmensch und heldenhafter David, der im Kampf gegen die bösen Nazi-Goliaths unterging, aber dessen Texte die Zeiten überdauerten.

Und doch hilft bei Borchert der übliche postmoderne, aalglatte, über sieben Ecken reflektierte Zynismus der blitzschnellen Textnachrichten aus WhatsApp- und Facebook-Zeiten nicht weiter. Dazu ist er einfach zu authentisch, inspiriert und begabt. Man kann ihm sicherlich Naivität und Direktheit vorwerfen, aber seine gradlinige Wut auf das Hitlerdeutschland, das seine Generation verheizt hat, ist zu groß und ehrlich, um sie ihm nicht abzunehmen. Den verlogenen Oberst, den geschäftstüchtigen Bühnendirektor, die über die Kadaver seiner Eltern gehende neue Mieterin aus „Draußen vor der Tür“ gibt es auch heute noch. Die Wahrheit will auch heute keiner hören, nur dass es damals um Leben und Tod ging (im Krieg und im Trümmerdeutschland) und heute „nur“ um Gewinner und Verlierer. Die Verlierer von heute überleben mit Produkten von ALDI im Kühlschrank und leben von Hartz IV. Beckmann (Borchert) schaffte es nicht die Kriegstraumata zu verarbeiten und beging Selbstmord (starb viel zu früh). Das ebenfalls im Buch zu findende faszinierende „Manifest“ ist ein unglaublich dicht geschriebener inspirierter und poetischer Text, ein Drahtseilakt ohne doppelten Boden, wo Borchert unweigerlich manchmal abstürzt und sich im Un- und Wahnsinn verliert. Ein besseres Deutschland durfte Borchert leider nicht erleben. Er konnte lediglich am Ende seines „Manifests“ davon träumen. Sein Protest war damals eine vereinzelte Stimme, die erst in den Studentenrevolten zwanzig Jahre später zu einer Massenbewegung werden sollte.

P.S: Wenn man die alte ro-ro-ro-Ausgabe mit dem Friedhof-Cover in der lebensfrohen römischen U-Bahn liest, wird es schnell peinlich. Umdrehen, sonst wird man (auweia)  schief und scheel angeguckt.

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