Retrotopia

Zygmunt Baumans letztes Buch vor seinem Tod im hohen Alter von 91 Jahren analysiert sehr treffend ein Kulturphänomen, das unsere Gesellschaft seit Jahren charakterisiert. Wir sind nicht mehr in der Lage, nach vorne zu blicken und Zukunftsmodelle zu entwerfen, sondern orientieren uns nur noch nach hinten in die Vergangenheit. „Retro“ und „Utopia“ als neues Wort zusammengeschrieben ist eigentlich ein Widerspruch, aber kennzeichnet immer stärker unser Verhalten. Das geht weit über die klassische Nostalgie, für die früher immer alles besser war, hinaus und scheint wohl ein Nebenprodukt der sich noch im Anfangsstadium befindlichen digitalen Revolution zu sein, deren Einschätzung uns allen so große Kopfschmerzen bereitet. Das Buch ist (neben einem Vor- und Nachwort) ein bisschen willkürlich in vier Teile gegliedert, in denen Bauman versucht, seine Visionen der heutigen Gesellschaft zu beschreiben. Der erste Teil „Zurück zu Hobbes?“ provoziert mit der These, dass uns ein Sturz in die dunklen Zeiten vor Thomas Hobbes droht. Dieser hatte ja bekanntlich in seinem „Leviathan“ (1651) die Gründung von Staaten und Gesellschaftsverträgen damit verteidigt, dass der Mensch nur so seinen Naturzustand des Krieges aller gegen alle überwinden kann. Hier nimmt Bauman seine berühmte These der „flüssigen Gesellschaft“ wieder auf, nach welcher staatlichen Ordnungen immer labiler und schwächer werden. Der zweite Teil spricht von den neuen Strömungen des Nationalismus und Populismus („Zurück ans Stammesfeuer“), gegen die momentan kein Kraut gewachsen zu sein scheint. Im dritten Teil wird der Illusion der Gleichheit eine Abfuhr erteilt („Zurück zur sozialen Ungleichheit“), denn in unseren Gesellschaften werden die Reichen immer reicher und weniger, die Armen immer mehr und ärmer. Auch der vierte Teil des Buchs („Zurück in den Mutterleib“) knüpft an Bekanntes an. Für Bauman gibt es keine Solidarität in der Gesellschaft mehr, sondern immer mehr egoistische Einzelkämpfer, die nur noch Konsum und Selbstoptimierung an ihre Pinwand geschrieben haben.

In einem Schreibstil, der für meinen Geschmack ein bisschen zu populärwissenschaftlich und aphoristisch ist, verliert der Leser allerdings oft den roten Faden der Gedankenführung und muss sich mit einer Unmenge zitierter Bonmots über die Seiten und Zeiten retten wie diesem hier von Tim Jackson (auf Seite 150): It’s a story about us, people, being persuaded to spend money we don’t have on things we don’t need to create impressions that won’t last on people we don’t care about. (https://www.ted.com/talks/tim_jackson_s_economic_reality_check/transcript. Stand Januar 2018)

Zygmunt Bauman – Retrotopia

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