Marshall McLuhan

Mit Marshall McLuhan beschäftigen sich heute nur noch Spezialisten, Studenten der Medienwissenschaften etwa (und das meist auch ungewollt). In den sechziger Jahren des vorigen Jahrhunderts dagegen war der kanadische Professor McLuhan in aller Munde und eine sehr wichtige Person, ständig im Fernsehen zu sehen und Presseinterviews gebend. Er personifizierte eine neue Art von Wissenschaftler, der sich nicht im akademischen Elfenbeinturm versteckte, sondern auch in als unseriös verschrienen Kanälen seine oft chaotischen und aphoristischen, jedenfalls reichlich unwissenschaftlichen Thesen bekannt machte. Medien sind Körperausweitungen. Wir leben in einem globalen Dorf. Das Medium ist die Botschaft. Alles ist miteinander verbunden. So lauteten seine bekanntesten und überhaupt nicht originellen Thesen. Von einem „homo elettronicus“ im Zeitalter des Fernsehens und der Massenmedien war die Rede. Das klingt alles erst einmal reichlich banal, ist aber bei näherer Sicht verstörend revolutionär. Denn das letzte halbe Jahrhundert hat McLuhan Recht gegeben. Sensibel und klug genug ahnte er, dass er auf der Schwelle eines neuen Zeitalters stand, das auch heute noch seine Wellen schlägt und immer mehr Bahn bricht. Kein Stein würde am Ende mehr auf dem anderen bleiben. Das Jahrtausende Jahre alte aristotelische Konzept der abendländischen Erkenntnis zerbröselte immer mehr. Die Entwicklung der Persönlichkeit, die Lehr- und Wanderjahre des „homo occidentalis“, die Idee der Wissensaneignung und Allgemeinkultur, die einen zum Bildungsbürger kürt, die Möglichkeiten der sozialen Kontaktaufnahme (und anderes mehr) wurden auf einmal fragwürdig und sind es heute, in der Zeit der vierten industriellen Revolution und der schönen, smarten Welt des „homo digitalis“ mehr als vor fünfzig Jahren. Was müssen wir wissen? Müssen wir überhaupt etwas wissen? Wie können wir lernen? Wie gründlich müssen wir recherchieren? Wie lernen wir Menschen kennen, mit denen wir kommunizieren können? Auf diese Fragen eines Erstklässlers gibt es inzwischen keine Antworten mehr. Die Gefahr ist jedenfalls, dass wir immer weniger wissen und lernen können und uns immer mehr zu digitalen, isolierten, aalglatten, autistischen Einzelindividuen entwickeln, ohne Solidarität, Mitleid und Scham. Mein Ego schießt schärfer als deins.

 

Sven Grampp: Marschall McLuhan. Eine Einführung. UKV Verlagsgesellschaft. Konstanz und München. 2011.

 

 

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